Die Rastzeit umfasst die Zeitspanne zwischen der aktuellen Kalbung und der darauffolgenden ersten Besamung. Die biologische Wartezeit beschreibt den Zeitraum, der vergeht, bis eine Kuh nach einer Kalbung wieder eine Brunst zeigt. Wie lange darüber hinaus mit der ersten Besamung gewartet wird, entscheidet schließlich der Rinderhalter betriebs- oder auch tierindividuell. Neben den daraus resultierenden Herausforderungen können sich gleichzeitig Vorteile für das Wohlbefinden der Kühe und die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion ergeben.
Bisher wurde eine Zwischenkalbezeit von 365 bis 400 Tagen als Ziel angestrebt, um damit insbesondere die Hochleistungsphase in der Frühlaktation auszunutzen und die Niedrigleistungsphase am Ende der Laktation zu verkürzen. Der züchterische Fortschritt sowie die Optimierungen in Haltung und Fütterung bewirkten im Laufe der Zeit deutliche Leistungssteigerungen bei den Milchkühen. Diese Veränderungen haben zu einem Umdenken in Bezug auf eine Verlängerung der freiwilligen Wartezeit geführt. Damit verbunden ist das Ziel, die Laktationsperiode gezielt zu verlängern. Daraus folgt unmittelbar, dass die Anzahl an Kalbungen pro Kuh und Betrieb verringert und in Verbindung damit das Erkrankungsrisiko sowie der Arzneimitteleinsatz rund um die Kalbung gesenkt werden können. Gleichzeit können die Produktionskosten über eine höhere Lebens- und Nutzungsdauer bzw. einen vergleichsweise kleineren Tierbestand gesenkt werden.
Eine pauschale Verlängerung der freiwilligen Wartezeit und damit der Rastzeit bei allen Kühen eines Betriebes erscheint jedoch nicht ratsam. Der Grund liegt in den deutlichen Unterschieden bei der Persistenz und der Milchleistung der einzelnen Kühe innerhalb der Herde. Daraus ist zu schließen, dass Kühe mit einer geringeren Persistenz im Verhältnis früher belegt werden sollten. Eine zu niedrige Milchleistung und damit verbunden ein Risiko für eine Verfettung zum Ende der Laktation könnten damit vermieden werden. Kühe mit einer besseren Persistenz werden später besamt und können mit einer passenden Milchmenge zum Ende der Laktation trockengestellt werden. Außerdem streben die Milchproduzenten in Abhängigkeit von den ökonomischen und strukturellen Rahmenbedingungen unterschiedliche Milchleistungen zum Zeitpunkt des Trockenstellens an. Aufgrund mangelnder Informationen zur phänotypischen Persistenz der einzelnen Kühe konnten bisher kaum Entscheidungen zur tierindividuellen freiwilligen Wartezeit getroffen werden. Dies sollte sich mit der Bereitstellung einer tierindividuellen Besamungsempfehlung ändern.
Bei der Ermittlung des optimalen Besamungszeitpunktes sind zwei Teilaufgaben zu lösen. Im ersten Schritt wird die phänotypische Laktationskurve (blau) für jede einzelne Kuh vorhergesagt. Für diese Vorhersage werden unter Verwendung einer künstlichen Intelligenz verschiedene tierbezogene wie auch betriebsbezogene Informationen aus schon abgeschlossenen Laktationen gegenübergestellt und deren Auswirkung auf die zu erwartende Laktationskurve erlernt. So kann tagesaktuell die Laktationskurve für jedes nicht tragende Tier vorhergesagt werden. Im nächsten Schritt kann dann unter Verwendung von betriebsindividuell anzupassenden Parametern, die jeder Landwirt selbst vorgeben kann, wie Trockenstellmenge, Trockenstehzeit und mittlerer Verzögerungszeit eine Empfehlung für den Startzeitpunkt der ersten Besamung berechnet werden. Zunächst wird der Trockenstelltag über die gewünschten Trockenstellmenge ermittelt (1), dann wird über die Trockenstehzeit auf die geplante Kalbung geschlossen (2). Von diesem Zeitpunkt aus kann mit Hilfe der erwarteten Trächtigkeitszeit der Zeitpunkt ermittelt werden, zu dem das Tier spätestens trächtig sein sollte (3). Anschließend wird die mittlere Verzögerungszeit des Betriebes abgezogen, um eine Empfehlung für den Besamungsstart (4) geben zu können.
Schematische Darstellung, wie von einer bekannten tierindividuellen Laktationskurve (blau) mithilfe von betriebsindividuellen Einstellungen wie Trockenstellmenge und Trockenstehzeit (gelb) sowie der mittleren Verzögerungszeit eine Empfehlung zum Start der Besamung berechnet werden kann.
In dem Herdenmanagementprogramm NETRINDmlp unter dem Punkt „Globale Einstellungen“ gibt der Landwirt die einstellbaren Parameter zur Tagesmilchmenge beim Trockenstellen und der Dauer des Trockenstehens vor. Die daraus berechnete Besamungsempfehlung mit der freiwillig verlängerten Rastzeit von Milchkühen steht den Tierhaltern schließlich über NETRINDmlp und auch NETRINDmobil zur Verfügung. Der Benutzer kann dabei selbst entscheiden, inwieweit dieses Angebot zur Strategie des eigenen Betriebs- und Fruchtbarkeitsmanagements passt und die Besamungsempfehlung dann tierindividuell nutzen.
Die Besamungsempfehlungen mit der freiwillig verlängerten Rastzeit (FVRZ) von Milchkühen werden in der Webanwendung NETRINDmlp in der Aktionsliste „Brunst von Kühen nach der Kalbung“ angezeigt. Neben den bekannten Informationen werden in der Aktionsliste dazu der Tag der frühestmöglichen Belegung, also der optimale Besamungszeitpunkt mit Datum und Wochentag, sowie die freiwillig verlängerte Rastzeit in Tagen angezeigt. Ist der empfohlene Besamungszeitpunkt mit der tatsächlichen tagesaktuellen Rastzeit bereits überschritten, werden die Informationen zur Besamungsempfehlung farblich markiert.
Für die Arbeit im Stall und direkt am Tier werden die Besamungsempfehlungen in der Android-App NETRINDmobil in der Aktionsliste „Brunst von Kühen“ mit dem berechneten Datum des optimalen Besamungszeitpunktes und möglichen Überschreitungen dieses Zeitpunktes angezeigt.
Die Tierhalter können tierindividuell selbst beurteilen, ob und wie die neuen Funktionen zur Empfehlung eines optimalen Besamungszeitpunktes zu ihrem Herdenmanagement passen und genutzt werden. Risiken und Vorteile dürfen bei der Nutzung des Tools nicht außer Acht gelassen werden. Letztendlich entscheiden die Landwirtinnen und Landwirte auf Grundlage der vorliegenden Informationen, wie sie mit ihrem Betrieb wirtschaftlich arbeiten wollen und dabei gleichzeitig die Grundlagen für eine ressourcen- und umweltschonende sowie tiergerechte Bewirtschaftung schaffen.